Fachdiskussion mit Univ.-Prof. Dr. Gerhard Speckbacher

Digitalisierung und Corporate Venturing

Digitalisierung und Corporate Venturing: Herausforderungen für das Controlling

Aktuell beschäftigen insbesondere zwei Themen die Unternehmensführung, die Digitalisierung und andererseits die Suche nach neuen Geschäftsmodellen bzw. die Weiterentwicklung bestehender. Unklar sind die Rolle und die Auswirkungen für das Controlling. Was kann das Controlling leisten, damit es das Management, das sich mit solchen Themen beschäftigt, bestmöglich unterstützt und wie kann das Controlling selbst mit diesen neuen Herausforderungen umgehen? Diese Fragen haben wir mit Univ.-Prof. Dr. Gerhard Speckbacher, Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmensführung an der WU Wien diskutiert.

PACEup: Herr Professor, Digitalisierung ist derzeit das Zauberwort. Unternehmen starten große Digitalisierungsinitativen, Berater propagieren die digitale Transformation. Ist die Digitalisierung auch aus Ihrer Sicht DAS Zauberwort?

Speckbacher: Die Digitalisierung ist eine großartige Sache. Sie eröffnet neue Möglichkeiten der Gestaltung von Wertschöpfungsprozessen und vor allem neue Möglichkeiten des Informationsaustausches. Die grundlegenden Prinzipien des Wirtschaftens werden dadurch aber nicht wesentlich verändert. Der Kunde von Uber zahlt am Ende für eine klassische Transportleistung, bei Airbnb zahlt man für eine Übernachtung und bei Amazon kauft man ein Buch. Viele digitale Geschäftsmodelle sind im Kern oft gar nicht so revolutionär und disruptiv. Wirklich interessant wird es aber, wenn man sich genauer anschaut, wie diese Unternehmen Informationen nutzen. Da sehe ich eine große Herausforderung, vor allem für das Controlling.

PACEup: Sie meinen, dass Unternehmen ihre Informationssysteme für die Anforderungen digitaler Geschäftsmodelle erst fit machen müssen?

Speckbacher: Seit über 20 Jahren kämpfen selbst führende Unternehmen damit, Informationssysteme zu vereinheitlichen, Informationen zu standardisieren und deren Qualität zu sichern. Unmengen von Informationen werden in unterschiedlichen Bereichen erhoben und bleiben ungenutzt. Das systematische Sammeln von Informationen wird man in Zukunft auf relative wenige klar definierte Zwecke beschränken müssen. Daneben wird es immer wichtiger, für wechselnde Fragestellungen neue Datenquellen zu erschließen und aus den schier unendlichen Informationsmöglichkeiten das herauszufiltern, was konkret für die jeweilige Fragestellung weiterhilft. Die klassische Informationsfunktion des Controllings bekommt da eine ganz neue Ausprägung. Weg von der geordneten und möglichst vollständigen Erfassung hin zur kreativen Suche nach möglichen Informationsquellen und Verknüpfungsmöglichkeiten, die fallweise etwa Indizien für die Beurteilung von Szenarien liefern oder helfen, Prognosen zu verbessern. Dafür braucht man ganz andere Kompetenzen und Controller werden quasi vom Informationssammler zum Informationsjäger.

PACEup: Wo sehen Sie neben der Digitalisierung aktuell die wesentlichen Herausforderungen für Unternehmen?

Speckbacher: Es gibt zwei einfache Kernfragen der Unternehmensführung. Die erste ist: „Womit verdienen wir eigentlich unser Geld, was ist also unser Geschäftsmodell und wie können wir dieses optimieren“. Die zweite Kernfrage ist: „Womit verdienen wir morgen unser Geld, wenn unser jetziges Geschäftsmodell (alleine) nicht mehr funktioniert“. Die entscheidende Herausforderung ist, wie man das bestehende Geschäftsmodell kontinuierlich durch Prozessinnovationen im Sinne von Effektivität und Effizienz verbessern kann und gleichzeitig Raum für ganz neue Ideen schafft.

PACEup: Umgelegt auf die Finanz- und Controllingfunktion in einem Unternehmen – warum ist das so schwierig?

Speckbacher: Das Controlling hat sich traditionell hauptsächlich mit der ersten Kernfrage beschäftigt, also der Optimierung und innovativen Weiterentwicklung des bestehenden Geschäftsmodells, der Generierung und Bereitstellung von Informationen in Form von Berichten oder der Unternehmensplanung. Das hat auch weiterhin Priorität. Denn nur Unternehmen, die hier hochprofessionell und erfolgreich arbeiten, können die Freiräume schaffen und Ressourcen entwickeln, mit denen dann neue Ideen für die Geschäftsmodelle von morgen ausprobiert werden. Die Zusammenarbeit mit Start-ups sowie interne Corporate Venturing Aktivitäten sind in vielen Unternehmen derzeit ein großes Thema. Hier die richtige Balance zu finden zwischen den zur Optimierung und Weiterentwicklung des bestehenden Geschäftsmodells erforderlichen Controlling-Strukturen und einer Start-up Mentalität mit klar definierten Prozessen, nach denen Ressourcen für neue Ideen bereitgestellt und ggf. wieder entzogen werden, ist eine große Herausforderung. Da gibt es noch sehr wenige Erfahrungen und gerade deshalb auch besondere Chancen.

PACEup: Herr Professor, herzlichen Dank für das Interview und die interessanten Einblicke.

Über Univ.-Prof. Dr. Gerhard Speckbacher

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Speckbacher ist Leiter des Instituts für Unternehmensführung an der WU Wien. Im Rahmen der SBWL Unternehmensführung und Controlling werden pro Jahr ca. 100 Studierende ausgebildet. Im Master Strategy, Innovation and Management Controlling liegen die Schwerpunkte des Lehrstuhls in den Bereichen Strategieimplementierung, Performance Management und Controlling.

Über PACEup

PACEup Management-Consulting ist eine Boutiqueberatung für Controlling, Strategie und Innovationsmanagement. Mit einem umfangreichen Serviceangebot, das auf einem breiten Partnernetzwerk aufsetzt, positioniert sich das Unternehmen als moderne Alternative zu bestehenden, internationalen Beratungsgesellschaften. Zusätzlich zum klassischen Beratungsgeschäft wird das Angebot um die Übernahme von Temporary Management-Funktionen ergänzt. PACEup sieht sich auch als österreichischer Controlling Think Tank.

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